Meteo Lab / M10 · Wettervorhersage & numerische Modelle / K02
M10K2 · Prognosegleichungen & Zustandsvektor

Ein Wettermodell sagt nicht „das Wetter“ voraus. Es integriert einen gekoppelten Zustandsvektor:Welche Größen sind Freiheitsgrade — und welche Gleichungen liefern ihre Tendenzen?

K01 formulierte Vorhersage als Anfangswertproblem. K02 öffnet nun die rechte Seite F: Massenerhaltung, Impuls, Thermodynamik und Feuchte bilden ein gekoppeltes Gleichungssystem. Entscheidend ist die Trennung zwischen prognostisch fortgeschriebenen Variablen, diagnostisch berechneten Größen und physikalischen Quell- und Senktermen.

Zustand: x = [ρ, v, θ, qₖ, …]Tendenz: ∂x/∂t = F(x)Prinzip: gekoppelte Erhaltung + Schließung
01 · Zustandsvektor

Der Modellzustand ist eine minimale Sammlung prognostischer Freiheitsgrade — nicht eine Liste aller Wettergrößen.

Ein Zustandsvektor fasst diejenigen Felder zusammen, die das Modell von einem Zeitschritt zum nächsten selbst fortschreibt. Typische Komponenten sind Dichte oder eine äquivalente Massengröße, drei Windkomponenten, eine thermodynamische Variable und Mischungs- beziehungsweise Massenanteile von Wasserdampf, Wolkenwasser, Eis oder weiteren Hydrometeoren.

x(r,t) = [ρ, u, v, w, θ, qᵥ, q꜀, qᵢ, …]

Die konkrete Wahl ist modellabhängig: Modelle können primitive, konservative oder transformierte Variablen verwenden. Physikalisch wichtig ist nicht die Schreibweise, sondern dass der gewählte Satz zusammen mit diagnostischen Beziehungen und Randbedingungen das Evolutionsproblem schließt.

Wichtig: Die Komponenten von x tragen unterschiedliche Einheiten. Ein gewöhnlicher euklidischer Betrag |x| besitzt deshalb ohne Normierung oder Fehlerkovarianz keine eindeutige meteorologische Bedeutung.

02 · Prognosegleichungen

Vier Gleichungsfamilien tragen den Kern: Masse, Impuls, Thermodynamik und Wasser.

In einer schematischen nicht-hydrostatischen, kompressiblen Beschreibung lässt sich der Kern so lesen:

∂ρ/∂t + ∇·(ρv) = 0
Dv/Dt = −(1/ρ)∇p − 2Ω×v + g + F
Dθ/Dt = Sθ,   Dqₖ/Dt = Sₖ

Die Kontinuitätsgleichung erhält Masse. Die Impulsgleichung koppelt Advektion, Druckgradient, Coriolis, Schwerkraft und weitere Kräfte. Thermodynamik und Feuchte enthalten neben Transport auch diabatische Quellen und Senken. Je nach Modellformulierung werden Energie, Entropie oder andere äquivalente Variablen statt θ prognostiziert.

Schematisches gekoppeltes Gleichungssystem mit Zustandsvektor, Massenerhaltung, Impuls, Thermodynamik, Feuchte und diagnostischer Schließung.
M10K2 · Die Gleichungen sind gekoppelt: eine physikalische Prozesskette kann gleichzeitig mehrere Komponenten des Tendenzvektors verändern.
03 · Lokale und materielle Änderung

Eine Tendenz an einem festen Ort ist nicht dasselbe wie die Änderung entlang einer Luftbewegung.

Der materielle Ableitungsoperator verbindet lokale Änderung und Advektion:

Dφ/Dt = ∂φ/∂t + v·∇φ

Damit lässt sich beispielsweise Dθ/Dt = Sθ als Aussage lesen: Ein mitbewegtes Luftpaket ändert seine potentielle Temperatur nur durch die zusammengefassten diabatischen Quellen Sθ. Auf einem ortsfesten Gitter erscheint zusätzlich die advektive Änderung. Diese Unterscheidung verbindet die Dynamik aus M05 mit der numerischen Prognose.

04 · Prognostisch ≠ diagnostisch

Diagnostische Größen werden berechnet — können aber trotzdem aktiv in die nächsten Tendenzen zurückwirken.

Druck kann beispielsweise über Zustandsgleichungen aus Dichte und Temperatur beziehungsweise entsprechenden Modellvariablen bestimmt werden; relative Feuchte wird aus Temperatur, Druck und Wasserdampf abgeleitet. Solche Größen müssen nicht als unabhängige Freiheitsgrade gespeichert werden.

„Diagnostisch“ bedeutet daher nicht „unwichtig“: Ein diagnostisch bestimmter Sättigungszustand kann Mikrophysik aktivieren, deren Quellterme anschließend qᵥ und die thermodynamische Variable prognostisch verändern.

Modellzyklus mit prognostischem Zustand, rechter Seite, Zeitintegration, diagnostischen Größen und Rückwirkung physikalischer Schließungen.
M10K2 · Prognostische und diagnostische Größen bilden keinen Einbahnfluss. Diagnostik kann Prozessraten bestimmen und damit die nächste prognostische Tendenz beeinflussen.
05 · Repräsentation

Primitive und konservative Variablen beschreiben denselben physikalischen Zustand, aber mit anderer numerischer Buchhaltung.

Windkomponenten, Druck und Temperatur sind anschauliche primitive Variablen. Viele numerische Verfahren arbeiten dagegen mit konservativen Dichten wie ρ, ρu, ρv oder Gesamtenergiedichte. Das erleichtert die diskrete Bilanzierung von Flüssen über Zellgrenzen. Die Umrechnung zwischen Darstellungen ist Teil der Modellformulierung — keine zusätzliche Physik.

K03 untersucht erst den nächsten Schritt: Wie werden solche kontinuierlichen Felder räumlich auf Gitterzellen, Knoten oder andere diskrete Freiheitsgrade abgebildet?

06 · State-Vector Tendency Lab

Beobachte, wie verschiedene Prozessfamilien unterschiedliche Komponenten desselben Zustandsvektors gleichzeitig ändern.

Das Labor verwendet ein bewusst reduziertes Null-D-Modell mit x=[u,v,T,qᵥ]. Es demonstriert Kopplung und Einheiten, nicht vollständige atmosphärische Dynamik. Als direkt lesbare thermodynamische Koordinate nutzt das Lab T; operationelle Modelle können stattdessen θ, Energie oder andere äquivalente Variablen führen. Für den Coriolisterm gilt auf der Nordhalbkugel die Konvention du/dt=fv+aₓ und dv/dt=−fu. Kondensation entfernt Wasserdampf mit Rate C und setzt in dieser Lehrnäherung etwa γ=2,49 K pro kondensiertem g/kg frei.

Interactive labState-Vector Tendency Explorer
STATE VECTOR · TENDENCY · NEXT STATESTATE VECTOR · TENDENCY · ONE STEPxⁿ∂x/∂txⁿ⁺¹ ———————— ————xⁿ⁺¹ = xⁿ + Δt · F(xⁿ) · Komponenten bleiben dimensionsbehaftet
du/dt—
dv/dt—
dT/dt—
dqᵥ/dt—
xⁿ⁺¹—
Prozessparameter—
Lehrmodelldu/dt=aₓ+fv · dv/dt=−fu
dT/dt=H+γC · dqᵥ/dt=−C
—
Interpretation—
07 · Schließung & Quellen

Erhaltungsgleichungen allein liefern noch kein vollständiges Wettermodell.

Zustandsgleichung, Stoffeigenschaften und Prozessbeschreibungen schließen das System. Strahlung, turbulenter Austausch, Wolkenmikrophysik oder Oberflächenflüsse erzeugen Quell- und Senkterme. Manche Prozesse werden explizit aufgelöst, andere müssen parametrisiert werden. K05 behandelt diese Subgrid-Prozesse gezielt.

08 · Grenze dieses Kapitels

Die Gleichungen sind noch kontinuierlich — ein Computer hat noch kein räumliches Rechengitter.

Bis hier ist x(r,t) ein Feld über einem kontinuierlichen Raum. Selbst wenn die prognostischen Gleichungen bekannt sind, muss ein numerisches Modell entscheiden, wo und wie viele Freiheitsgrade gespeichert werden und wie räumliche Ableitungen beziehungsweise Flüsse approximiert werden. Genau diese Abbildung ist Gegenstand von K03.

09 · Ergebnis

K02 trennt den physikalischen Zustand von seiner mathematischen Repräsentation und von daraus abgeleiteten Größen.

1 · Zustand

x enthält die prognostisch fortgeschriebenen Freiheitsgrade.

2 · Erhaltung

Masse, Impuls, Thermodynamik und Wasser liefern gekoppelte Tendenzen.

3 · Diagnostik

Berechnete Größen sind keine zusätzlichen unabhängigen Freiheitsgrade.

4 · Kopplung

Ein Prozess kann mehrere Komponenten des Zustands gleichzeitig verändern.

5 · Einheiten

Ein unskalierter Gesamtbetrag eines dimensionsgemischten Zustandsvektors ist nicht physikalisch interpretierbar.

6 · Nächster Schritt

K03 überführt die kontinuierlichen Felder auf diskrete Modellgitter.

Cross-References

Nächster Schritt · M10K3Diskretisierung & Modellgitter

Wie wird aus dem kontinuierlichen Feld x(r,t) eine endliche Zahl räumlicher Freiheitsgrade, auf denen Ableitungen und Flüsse numerisch berechnet werden können?