Meteo Lab / M10 · Wettervorhersage & numerische Modelle / K08
M10K8 · Ensembles & probabilistische Prognose

Eine einzelne Prognosetrajektorie zeigt nur eine Möglichkeit.Ein Ensemble beschreibt, welche Zukunftszustände unter plausibler Unsicherheit gemeinsam möglich sind.

K06 lieferte eine unsichere Anfangsanalyse, K07 zeigte strömungsabhängiges Fehlerwachstum. K08 ersetzt deshalb den einzelnen Startzustand durch mehrere plausible Mitglieder. Jedes Mitglied wird mit denselben Grundgleichungen integriert; ihre Verteilung liefert Aussagen über Lage, Streuung und Ereigniswahrscheinlichkeit — aber nur innerhalb der Unsicherheiten, die das Ensemble tatsächlich repräsentiert.

Mitglieder: x₀⁽ᵐ⁾Verteilung: {xᶠ⁽ᵐ⁾(T)}Ereignis: P(E) ≈ n(E)/N
01 · Ensemble-Idee

Unsicherheit wird durch mehrere konsistente Prognoseläufe repräsentiert.

Ein deterministischer Lauf startet aus einem einzigen analysierten Zustand x₀. Ein Ensemble verwendet dagegen N leicht verschiedene Anfangszustände und gegebenenfalls unterschiedliche Modellannahmen:

x₀⁽ᵐ⁾ = xᵃ + δx₀⁽ᵐ⁾,   xᶠ⁽ᵐ⁾(T)=M⁽ᵐ⁾T,0(x₀⁽ᵐ⁾),   m=1…N.

Die Störungen δx₀⁽ᵐ⁾ sollen nicht beliebig sein. Sie sollen relevante Analyseunsicherheit abbilden; Modellunsicherheit kann zusätzlich durch perturbierte Parameter, stochastische Physik oder unterschiedliche Modellkonfigurationen repräsentiert werden.

Schema eines Ensemble-Vorhersagesystems: eine Analyseverteilung erzeugt mehrere Anfangszustände, deren Modelltrajektorien mit der Vorlaufzeit auseinanderlaufen und am Zielzeitpunkt eine Prognoseverteilung bilden.
M10K8 · Ensemble-Spread entsteht aus repräsentierter Anfangs- und Modellunsicherheit plus nichtlinearer Dynamik.
02 · Lage & Streuung

Ensemble-Mittel und Spread beschreiben verschiedene Eigenschaften der Verteilung.

Für eine skalare Prognosegröße q besitzt ein gleichgewichtiges Ensemble das Mittel

q̄ = (1/N) Σ q⁽ᵐ⁾,   s = √[(1/(N−1)) Σ(q⁽ᵐ⁾−q̄)²].

Das Mittel schätzt die Lage der Ensembleverteilung, der Spread ihre interne Streuung. Das Ensemble-Mittel muss selbst kein dynamisch realisierbares Mitglied sein — besonders bei multimodalen Verteilungen kann es zwischen zwei plausiblen Regimen liegen.

03 · Ereigniswahrscheinlichkeit

Wahrscheinlichkeit entsteht aus einer definierten Ereignismenge, nicht aus „Unsicherheit“ im Allgemeinen.

Für ein Ereignis E, etwa q(T)>q*, liefert ein gleichgewichtiges Ensemble die relative Häufigkeit

p̂(E) = (1/N) Σ 𝟙[q⁽ᵐ⁾(T)>q*] = n(E)/N.

Bei N=20 kann p̂ nur in 5-Prozentpunkten springen. Diese Zahl ist eine Ensemblewahrscheinlichkeit: Sie ist nur dann als zuverlässige Ereigniswahrscheinlichkeit interpretierbar, wenn Ensembleerzeugung und Nachbearbeitung hinreichend kalibriert sind.

04 · Endliche Ensemblegröße

Ein Ensemble sampelt die Prognoseverteilung nur endlich.

Selbst bei perfekter Repräsentation ist eine relative Häufigkeit aus N Mitgliedern diskret und stichprobenabhängig. Sehr seltene Ereignisse können in kleinen Ensembles vollständig fehlen. Umgekehrt bedeutet 0/N nicht „physikalisch unmöglich“ und N/N nicht „sicher“.

Vergleich dreier Ensemble-Endverteilungen mit gleichem Schwellenwert: unterdispersiv, passend gestreut und überdispersiv; markiert sind Mittelwert, Spread und Anteil oberhalb der Ereignisschwelle.
M10K8 · Wahrscheinlichkeit, Bias und Spread sind getrennte Diagnosen. Eine breite Verteilung ist nicht automatisch eine bessere Verteilung.
05 · Ensemble Forecast Lab

Viele Lorenz‑63-Mitglieder integrieren und aus ihrer Endverteilung eine Ereigniswahrscheinlichkeit ableiten.

Das Labor benutzt wie K07 das Lorenz‑63-System als Lehrdynamik. Nach gemeinsamer Spin-up-Phase erhält jedes Mitglied eine deterministisch reproduzierbare Gauß-Störung in x; optional wird zusätzlich ρ perturbiert. Gezeigt werden die x-Trajektorien und die Verteilung von x(T). Das Ereignis lautet x(T)>x*.

Interactive labLorenz‑63 Ensemble Forecast Explorer
p̂[x(T)>x*]—
Ensemble-Mittel—
Spread s(T)—
Control x(T)—
Min … Max—
Auflösung Δp—
Ensemble-Diagnose——
Interpretation—
06 · Spread–Skill-Idee

Mehr Spread bedeutet nicht automatisch mehr Fehler — aber fehlender Spread kann Unsicherheit unterschätzen.

Im idealisierten statistischen Sinn sollte ein Ensemble in Situationen mit großer tatsächlicher Prognoseunsicherheit stärker streuen als in gut vorhersagbaren Situationen. Diese Spread–Skill-Beziehung ist eine Kalibrierungsfrage über viele Fälle; sie lässt sich nicht aus einem einzelnen Forecast beurteilen.

Ein unterdispersives Ensemble ist zu eng und produziert typischerweise zu selbstsichere Wahrscheinlichkeiten. Ein überdispersives Ensemble ist zu breit. K09 wird dafür Verifikationsdiagnostik einführen.

07 · Mitglieder sind keine unabhängigen Wahrheiten

Ensemble-Mitglieder sind Stichproben eines Modellkonstrukts.

Mitglieder teilen Beobachtungen, Assimilation, numerische Architektur und oft große Teile der Modellphysik. Sie sind deshalb nicht wie unabhängige Messungen der Zukunft zu interpretieren. Gemeinsame systematische Fehler können alle Mitglieder in dieselbe falsche Richtung verschieben.

Auch ein sehr großes Ensemble beseitigt keinen strukturellen Modellbias. Mehr Mitglieder reduzieren primär Sampling-Rauschen der dargestellten Modellverteilung.

08 · Regime & Multimodalität

Eine einzige Mittelwertkurve kann mehrere plausible Wetterregime verdecken.

Wenn Mitglieder in verschiedene dynamische Regime laufen, kann die Endverteilung zwei oder mehr Cluster besitzen. Dann sind Median, Quantile, Cluster oder Ereigniswahrscheinlichkeiten oft informativer als nur das arithmetische Mittel.

Genau hier wird K07 praktisch relevant: Nichtlineares Fehlerwachstum kann anfangs kleine Unterschiede in qualitativ verschiedene synoptische Entwicklungen übersetzen.

09 · Probabilistisch heißt bedingt

Eine Ensembleprognose ist eine bedingte Aussage über Modell, Initialisierung und Vorlaufzeit.

Die Aussage „30 % Wahrscheinlichkeit“ ist unvollständig ohne Definition von Variable, Schwelle, Ort/Region, Zeitfenster und Prognosesystem. Wahrscheinlichkeiten können außerdem nachkalibriert werden; operationelle Produkte sind daher nicht zwingend identisch mit rohen Member-Häufigkeiten.

K08 liefert die Verteilung. K09 fragt anschließend, ob diese Verteilung im Rückblick zuverlässig, scharf und nützlich war.

10 · Ergebnis

Ensembles übersetzen Anfangs- und Modellunsicherheit in eine prognostische Verteilung.

1 · Mitglieder

Mehrere plausible Start- und Modellzustände ersetzen die einzelne Trajektorie.

2 · Mittel

Das Ensemble-Mittel beschreibt Lage, ist aber nicht zwingend ein realisierbares Mitglied.

3 · Spread

Interne Streuung misst Ensemblebreite, nicht direkt den tatsächlichen Fehler.

4 · Wahrscheinlichkeit

p̂=n/N ist eine endliche, kalibrierungsabhängige Ensemblehäufigkeit.

5 · Regime

Multimodale Verteilungen können mehrere dynamisch plausible Entwicklungen enthalten.

6 · Nächster Schritt

K09 prüft deterministische und probabilistische Prognosen gegen Beobachtungen.

Cross-References

Nächster Schritt · M10K9Modellprodukte & Verifikation

Wie werden deterministische und probabilistische Prognosen gegen Beobachtungen geprüft — und warum sind Bias, RMSE, Brier Score, Reliability und Sharpness unterschiedliche Qualitätsdimensionen?