Meteo Lab / M10 · Wettervorhersage & numerische Modelle / K05
M10K5 · Parametrisierungen & Subgrid-Prozesse

Ein Modellgitter kann nicht jede physikalische Skala explizit tragen:Wie wird die mittlere Wirkung ungelöster Prozesse auf den aufgelösten Zustand geschlossen?

K03 und K04 definierten aufgelöste Freiheitsgrade und ihre numerische Fortentwicklung. K05 behandelt, was unterhalb oder außerhalb dieser expliziten Darstellung liegt. Der zentrale Begriff ist Closure: gefilterte Gleichungen enthalten unbekannte Subgrid-Terme, deren Wirkung mit physikalisch motivierten Parametrisierungen approximiert werden muss.

Filter: φ → φ̄ + φ′Closure: Qpar(x̄;θ,Δ)Kernproblem: ⟨F(x)⟩Δ ≠ F(x̄)
01 · Gitter als Filter

Ein diskreter Modellzustand repräsentiert nicht die vollständige Atmosphäre, sondern eine gefilterte Beschreibung.

Eine prognostische Gittervariable φ̄ steht idealisiert für den Anteil eines Feldes, den Gitter und Numerik darstellen können. Kleinere oder statistisch nicht explizit repräsentierte Schwankungen werden als φ′ zusammengefasst:

φ = φ̄ + φ′

Die Trennung ist nicht absolut. Ein Prozess kann bei grober Auflösung vollständig parametrisiert, bei höherer Auflösung teilweise explizit und in einem sehr feinen Spezialmodell weitgehend aufgelöst sein. Deshalb ist „Subgrid“ eine Eigenschaft der Modellkonfiguration, nicht des Prozesses an sich.

Skalentrennung im Wettermodell mit Gitterfilter Delta, aufgelösten großräumigen Freiheitsgraden und nicht explizit aufgelösten Turbulenz-, Wolken-, Mikrophysik- und Oberflächenprozessen, deren Wirkung parametrisiert zurückgeführt wird.
M10K5 · Das Gitter wirkt wie ein Filter. Parametrisierungen liefern Tendenzen für Wirkungen, die im aufgelösten Zustand nicht direkt enthalten sind.
02 · Warum Closure nötig wird

Filtert man nichtlineare Gleichungen, entstehen neue unbekannte Terme.

Schon der Transport eines Skalars φ durch eine Geschwindigkeit u zeigt das Problem. Für einen allgemeinen Gitterfilter ist die robuste Definition des unbekannten Subgrid-Produktterms:

τuφ ≡ ⟨uφ⟩Δ − ū φ̄

Der Term τuφ ist im Gitterzustand nicht direkt bekannt. Nur für Mittelungsoperatoren mit den entsprechenden Reynolds-Regeln kann er unmittelbar als Kovarianz ⟨u′φ′⟩ geschrieben werden. Ähnliche Closure-Probleme treten bei turbulenten Impulsflüssen, nichtlinearer Wolkenbildung, Strahlung durch teilbewölkte Gitterzellen, Oberflächenheterogenität und vielen mikrophysikalischen Prozessen auf.

Eine Parametrisierung ersetzt diese fehlende Information nicht „durch Wahrheit“, sondern durch ein Closure-Modell, das aus aufgelösten Größen, Zusatzvariablen und Parametern eine plausible mittlere Tendenz schätzt.

03 · Mittelwert und Nichtlinearität

Bei Schwellen und nichtlinearen Prozessen genügt der Gittermittelwert grundsätzlich nicht.

Betrachte einen idealisierten Kondensationsoperator C(RH)=max(RH−1,0). Zwei Gitterzellen können denselben mittleren relativen Feuchtewert besitzen, aber unterschiedliche Subgrid-Varianz. In der heterogenen Zelle können einzelne Teilvolumina bereits gesättigt sein, obwohl der Mittelwert unter 100 % liegt.

⟨C(RH)⟩Δ ≠ C(⟨RH⟩Δ)
Closure-Beispiel mit zwei Gitterzellen gleichen mittleren RH-Werts. Eine homogene Zelle bleibt vollständig untersättigt; eine heterogene Zelle enthält ein lokales übersättigtes Subfeld und erzeugt deshalb eine mittlere Kondensationstendenz.
M10K5 · Nichtlinearität macht ungelöste Varianz dynamisch relevant. Ein Mittelwert allein bestimmt die mittlere Prozessrate nicht.
04 · Typische Parametrisierungsfamilien

Unterschiedliche Subgrid-Prozesse benötigen unterschiedliche Closure-Annahmen.

Typische Parametrisierungsfamilien und ihre ungelösten Informationen
ProzessTypische ungelöste InformationWirkung auf den Modellzustand
Turbulenz / GrenzschichtKovarianzen u′w′, w′θ′, w′q′Impuls-, Wärme- und Feuchteflüsse
Wolken / KonvektionSubgrid-Aufwinde, Cloud fraction, VarianzHeizung, Feuchtetransport, Niederschlag
MikrophysikPartikelspektren und UmwandlungsratenHydrometeor- und Latentwärmetendenzen
StrahlungSubgrid-Bewölkung / Überlappungradiative Heiz- und Kühlraten
Oberfläche / OrographieBoden-, Vegetations- und RauigkeitsheterogenitätFlüsse, Drag, Impulsquellen

Die Form der Parametrisierung hängt daher vom Prozess und von der Auflösung ab. Ein einzelner universeller „Subgrid-Faktor“ wäre physikalisch bedeutungslos.

05 · Subgrid Closure Lab

Gleicher Feuchtemittelwert, andere Varianz — wie stark ändert sich eine nichtlineare Schwellen-Tendenz?

Das Lab nimmt RH innerhalb einer Gitterzelle als idealisierte Gauß-Verteilung mit Mittelwert R̄H und Standardabweichung σRH an. Für den Schwellenoperator max(RH−1,0) lässt sich der erwartete Überschuss analytisch berechnen. Eine Feuchteskala qref und eine Relaxationszeit τ übersetzen ihn in eine transparente Lehr-Tendenz.

SPDF = (qref/τ) · E[max(RH−1,0)]
Interactive labSubgrid PDF & Threshold Closure Explorer
Subgrid-Anteil RH>100%—
PDF-Closure S—
Nur-Mittelwert S—
Closure-Inkrement—
Diagnose——
Interpretation—

Wichtig: Die Gauß-PDF ist eine bewusst reduzierte Lehrannahme und kann formal RH-Werte außerhalb physikalischer Grenzen besitzen. Das Lab ist keine operationelle Wolkenparametrisierung; es isoliert die mathematische Closure-Frage.

06 · Auflösungsabhängigkeit

Wenn Δ kleiner wird, verschiebt sich die Grenze zwischen expliziter und parametrisierter Physik.

Mehr Auflösung bedeutet nicht automatisch, dass eine alte Parametrisierung unverändert weiterverwendet werden darf. In Übergangsbereichen — etwa bei konvektions-permittierenden Gitterweiten — können Prozesse teilweise explizit und teilweise subgrid sein. Eine Closure muss daher häufig scale-aware sein oder zumindest für den verwendeten Auflösungsbereich kalibriert werden.

Es gibt keine universelle Formel σsubgrid(Δ), die für alle Atmosphärenzustände gilt. Die ungelöste Varianz hängt zugleich von Dynamik, Stabilität, Orographie, Oberfläche und Prozessgeschichte ab.

07 · Parameter, Zustände, Kalibrierung

Ein Parameter ist nicht dasselbe wie eine prognostische Zustandsvariable.

Einige Closure-Schemata führen zusätzliche prognostische Größen ein, etwa turbulente kinetische Energie oder Hydrometeor-Mischungsverhältnisse. Andere verwenden diagnostische Beziehungen und empirische Parameter. Parameter θ werden anhand von Theorie, hochaufgelösten Simulationen, Beobachtungen oder Verifikation gewählt; sie sind nicht bei jedem Zeitschritt frei „an die Wetterlage angepasst“.

Weil unterschiedliche Parameterkombinationen ähnliche makroskopische Effekte erzeugen können, entstehen strukturelle Unsicherheit und Kompensationsfehler. Das führt später direkt zu Modellunsicherheit und Ensembles.

08 · Prozesskopplung

Parametrisierte Tendenzen wirken gleichzeitig mit der aufgelösten Dynamik und mit anderen Physics-Schemata.

Grenzschichtmischung verändert Temperatur und Feuchte, beeinflusst damit Wolken, Strahlung und Konvektion; Niederschlag verändert Oberflächenflüsse; Strahlung verändert Stabilität. Deshalb ist nicht nur jedes einzelne Schema wichtig, sondern auch Reihenfolge, Kopplungsintervall und Erhaltungseigenschaften der gesamten Physics-Kette.

Ein scheinbar lokaler Closure-Fehler kann so systematisch in andere Prozesspakete propagieren. Parametrisierung ist Teil des dynamischen Modells, kein nachträgliches Postprocessing.

09 · Grenze dieses Kapitels

K05 erklärt Modellphysik und Closure — noch nicht, wie Beobachtungen den Modellzustand zum Startzeitpunkt korrigieren.

Selbst mit guter Dynamik und guten Parametrisierungen bleibt der Anfangszustand unvollständig bekannt. Wie Beobachtungen, Hintergrundzustand und Fehlerkovarianzen zu einer konsistenten Anfangsanalyse kombiniert werden, ist Gegenstand von K06: Datenassimilation & Anfangsanalyse.

10 · Ergebnis

Parametrisierungen schließen die Lücke zwischen aufgelöstem Modellzustand und ungelöster Prozesswirkung.

1 · Filter

Gittervariablen repräsentieren eine gefilterte Atmosphäre, nicht alle Skalen.

2 · Closure

Gefilterte nichtlineare Gleichungen erzeugen unbekannte Subgrid-Terme.

3 · Nichtlinearität

Die Prozessrate des Mittelwerts ist im Allgemeinen nicht die mittlere Prozessrate.

4 · Auflösung

Welche Physik parametrisiert werden muss, hängt von Δ und der Modellarchitektur ab.

5 · Kopplung

Physics-Tendenzen interagieren mit Dynamik und anderen Closure-Schemata.

6 · Nächster Schritt

K06 kombiniert Beobachtungen und Modellhintergrund zur Anfangsanalyse.

Cross-References

Nächster Schritt · M10K6Datenassimilation & Anfangsanalyse

Wie werden heterogene Beobachtungen und ein Modellhintergrund unter Berücksichtigung ihrer Fehlerstrukturen zu einem konsistenten Startzustand verbunden?