Meteo Lab / M10 · Wettervorhersage & numerische Modelle / K01
M10K1 · Vorhersage als Anfangswertproblem

Eine numerische Wettervorhersage beginnt mit einem analysierten Zustand und fragt:Wie entwickelt ihn ein physikalisches Modell ab t₀ in die Zukunft?

M09 endete mit der Analyse x̂(t₀). M10 setzt x₀ ≡ x̂(t₀) und macht daraus ein Anfangswertproblem. Prognostische Gleichungen liefern lokale zeitliche Tendenzen; numerische Zeitintegration setzt diese Tendenzen Schritt für Schritt in einen Zukunftszustand um. Dabei müssen Anfangszustand, Modellgleichungen, Randbedingungen und numerische Approximation strikt auseinandergehalten werden.

Start: x₀ ≡ x̂(t₀)Dynamik: ∂x/∂t = F(x,t;θ)Ziel: xᶠ(t₀+T)
01 · Anfangswertproblem

Vorhersage ist eine zeitliche Zustandsfortschreibung — keine Verlängerung einer Wetterkarte.

Der Atmosphärenzustand lässt sich idealisiert als räumlich verteilten Zustandsvektor x(t) auffassen. Zum Startzeitpunkt t₀ liefert die Analyse aus M09 eine bestmögliche Schätzung dieses Zustands; im Prognosemodell heißt sie x₀ ≡ x̂(t₀). Ein prognostisches Modell beschreibt, wie sich x unter den wirkenden Kräften, Flüssen und Phasenumwandlungen verändert:

∂x/∂t = F(x,t; θ),   x(t₀) = x₀

F steht für die gekoppelten prognostischen Gleichungen; θ fasst Modellparameter und parametrisierte Prozesse zusammen. Erst aus Anfangswert und Evolutionsgesetz entsteht eine Prognose. Bei einem begrenzten Modellgebiet kommen zusätzlich zeitabhängige Randbedingungen hinzu.

Schema des Anfangswertproblems: analysierter Zustand x(t0), prognostische Gleichungen und Randbedingungen führen durch Zeitintegration zum modellierten Zukunftszustand. Anfangszustands- und Modellfehler sind getrennt markiert.
M10K1 · Der prognostizierte Zustand ist das Ergebnis einer Modellintegration. Analysefehler und Modell-/Numerikfehler besitzen unterschiedliche Ursachen.
02 · Was wird fortgeschrieben?

Ein Wettermodell integriert prognostische Variablen; diagnostische Größen werden daraus abgeleitet.

Zum Kernzustand gehören typischerweise Windkomponenten, Temperatur oder thermodynamisch äquivalente Variablen, Druck-/Massengrößen sowie Wasser in mehreren Phasen. Welche Variablen konkret prognostisch geführt werden, hängt von den Modellgleichungen und Koordinaten ab. Größen wie relative Feuchte, geopotentielle Höhen bestimmter Druckflächen oder viele Wetterindizes können anschließend diagnostisch aus dem Modellzustand berechnet werden.

Die Trennung ist dieselbe Denkoperation wie in M09: Dort galt gemessen ≠ abgeleitet; hier gilt prognostisch integriert ≠ diagnostisch berechnet.

03 · Tendenz

Die rechte Seite F beschreibt die momentane Änderungsrate, nicht bereits den Zukunftszustand.

Für einen gegebenen Zustand x(t) berechnet das Modell eine Tendenz. In der realen Atmosphäre koppeln dabei Advektion, Druckgradient, Coriolis, Schwerkraft, turbulente Flüsse, Strahlung und diabatische Prozesse. Eine Tendenz besitzt deshalb die Dimension „Zustandsgröße pro Zeit“.

F(x,t;θ) = (∂x/∂t)dyn + (∂x/∂t)phys

Diese Schreibweise ist Buchhaltung, keine vollständige Trennung der Natur: Dynamik und Physik wirken gekoppelt. Sie hilft aber, numerische Dynamik und parametrisierte beziehungsweise explizit aufgelöste physikalische Prozesse methodisch auseinanderzuhalten.

04 · Von der Tendenz zum Zeitschritt

Computer können die kontinuierlichen Gleichungen nur in diskreten Schritten approximieren.

Ein einfachster expliziter Schritt verwendet die Tendenz am aktuellen Zustand:

xⁿ⁺¹ = xⁿ + Δt · F(xⁿ,tⁿ)

Das ist das explizite Euler-Verfahren. Operationelle Wettermodelle verwenden wesentlich geeignetere Integrationsverfahren; hier dient Euler nur dazu, den Unterschied zwischen kontinuierlichem Modell und numerischer Approximation sichtbar zu machen. Je nach Gleichung kann ein zu großer Zeitschritt nicht nur ungenau, sondern numerisch instabil sein.

Zeitdiagramm mit gekrümmter kontinuierlicher Modelllösung, diskreten numerischen Zuständen, lokaler Tendenz und markiertem Zeitschritt Delta t.
M10K1 · Die Tendenz ist lokal; erst ein Integrationsverfahren macht daraus eine endliche Zustandsänderung über Δt.
05 · Zwei Fehlerquellen

Ein perfektes Modell mit falschem Start und ein perfekter Start mit falschem Modell scheitern aus verschiedenen Gründen.

Anfangszustandsfehler entstehen, weil die Atmosphäre nur unvollständig beobachtet wird und x₀ = x̂(t₀) eine Analyse-Schätzung bleibt. Modellfehler entstehen durch approximierte Gleichungen, endliche Auflösung, Parametrisierungen und numerische Verfahren. Beide Fehlerarten entwickeln sich während der Prognose weiter und dürfen nicht in einem einzigen „Genauigkeitswert“ versteckt werden.

Diese Trennung führt später direkt zu Datenassimilation, Ensemble-Prognosen und probabilistischen Aussagen.

06 · Initial-Value Forecast Lab

Integriere ein transparentes skalares Lehrmodell und vergleiche numerische mit exakter Lösung.

Das Labor verwendet bewusst nur eine lineare Relaxationsgleichung mit konstanter Anregung. Sie ist kein Wettermodell, isoliert aber drei Konzepte: Anfangswert, Tendenz und numerische Zeitintegration.

dx/dt = Q − x/τ,   x(0)=x₀,   x∞=Qτ
Interactive labScalar Initial-Value Integrator
Numerische und exakte Integration eines skalaren AnfangswertproblemsKurven zeigen die exakte kontinuierliche Lösung und die explizite Euler-Fortschreibung. Anfangswert, Gleichgewicht und Endzustände sind markiert.INITIAL-VALUE LAB · EXACT vs. EULER—tx—
Gleichgewicht x∞—
Starttendenz F₀—
Euler-Schritte—
hmax/τ—
exakt x(T)—
Euler x(T)—
|Numerikfehler|—
Stabilitätsklasse—
Lehrmodelldx/dt = Q − x/τ—
Interpretation—
07 · Randbedingungen

Ein globales Modell und ein begrenztes Modell besitzen unterschiedliche Randprobleme.

Globale Modelle benötigen keine seitlichen atmosphärischen Randwerte, wohl aber Randbedingungen an Oberfläche und Modellobergrenze. Regionalmodelle erhalten zusätzlich zeitabhängige seitliche Randwerte aus einem größeren Modell. Ozean, Boden, Vegetation, Schnee und Eis wirken je nach Kopplung als dynamische oder vorgegebene Teilsysteme.

08 · Modellgrenzen

Das Labor demonstriert Numerik — nicht meteorologische Vorhersagegüte.

Die Relaxationsgleichung besitzt nur einen Freiheitsgrad, eine konstante Anregung und eine bekannte exakte Lösung. Reale Wettermodelle integrieren gekoppelte dreidimensionale, nichtlineare Gleichungen auf einem Gitter und enthalten viele Zeitskalen. Die Stabilitätsaussage Δt/τ für dieses Lab darf daher nicht als allgemeines Stabilitätskriterium eines Wettermodells gelesen werden.

09 · Ergebnis

M10 beginnt mit vier strikt getrennten Bausteinen: Anfangszustand, Tendenz, Integration und Fehler.

1 · Analyse

x₀ ≡ x̂(t₀) ist der geschätzte Startzustand, nicht die Summe einzelner Messungen.

2 · Prognostik

F liefert die momentane zeitliche Tendenz des Zustands.

3 · Integration

Numerische Verfahren erzeugen aus Tendenzen endliche Zukunftszustände.

4 · Randwerte

Oberfläche, Modellobergrenze und gegebenenfalls Seitenränder schließen das Rechenproblem.

5 · Fehlerquellen

Anfangszustands- und Modellfehler müssen getrennt verfolgt werden.

6 · Nächster Schritt

K02 zerlegt den Zustandsvektor und die prognostischen Gleichungen systematisch.

Cross-References

Nächster Schritt · M10K2Prognosegleichungen & Zustandsvektor

Welche Variablen müssen prognostisch integriert werden, welche Gleichungen liefern ihre Tendenzen und welche Größen werden nur diagnostisch abgeleitet?