Meteo Lab / M02 · Wärme & Thermodynamik / K07
M2K7 · Potentielle Temperatur

Temperaturen auf verschiedenen Druckniveaus vergleichbar machen.

Die aktuelle Temperatur eines Luftpakets hängt auch von seinem Druckniveau ab. Die potentielle Temperatur θ entfernt diesen adiabatischen Druckeffekt: Sie ist die Temperatur, die das trockene Luftpaket hätte, wenn es reversibel adiabatisch auf den Referenzdruck p₀ = 1000 hPa gebracht würde.

Referenz: p₀ = 1000 hPa Definition: θ = T(p₀/p)κ trockenadiabatisch: θ = const.
01 · Referenztemperatur

θ beantwortet eine andere Frage als T.

Die Temperatur T beschreibt den aktuellen thermodynamischen Zustand. Die potentielle Temperatur θ fragt dagegen: Welche Temperatur hätte dasselbe trockene Luftpaket, wenn wir es ohne Wärmeübertragung und reversibel auf 1000 hPa bringen?

θ = T (p₀/p)κ T und θ in Kelvin · p₀ = 1000 hPa

Damit können Luftpakete auf unterschiedlichen Druckniveaus auf eine gemeinsame Referenz abgebildet werden. Erst diese Normierung macht ihre trockene thermodynamische Struktur direkt vergleichbar.

Zwei Luftpaketzustände auf unterschiedlichen Druckniveaus werden trockenadiabatisch auf 1000 hPa abgebildet und über ihre potentielle Temperatur verglichen.
M2K7 · θ ist eine Referenzkoordinate: unterschiedliche aktuelle T-p-Zustände können dieselbe potentielle Temperatur besitzen.
02 · κ und Exner-Funktion

Der Druckeinfluss lässt sich kompakt ausklammern.

Aus M2K6 kennen wir γ = cp/cv. Für die potentielle Temperatur ist die meteorologisch übliche Größe

κ = Rd/cp = (γ−1)/γ ≈ 0,286

praktischer. Definieren wir die Exner-Funktion

Π = (p/p₀)κ

dann zerfällt die Temperaturbeziehung besonders übersichtlich:

T = θ Π

Π beschreibt den adiabatischen Druckfaktor; θ trägt die trockenadiabatisch konservierte thermodynamische Information.

03 · Erhaltung entlang der trockenen Adiabate

Reversible adiabatische Bewegung ändert T, aber nicht θ.

M2K6 lieferte für die reversible trockene Adiabate:

T p−κ = konstant

Multipliziert man mit dem konstanten Referenzfaktor p₀κ, folgt unmittelbar:

θ = konstant

Ein aufsteigendes trockenes Luftpaket kühlt also ab, während seine potentielle Temperatur unverändert bleibt. Beim Absinken steigt T wieder — ebenfalls bei gleichem θ.

04 · θ als Entropiekoordinate

Für trockene ideale Luft ist θ eng mit der spezifischen Entropie verknüpft.

Für ein ideales trockenes Gas mit konstantem cp gilt zwischen zwei Zuständen:

s₂ − s₁ = cp ln(θ₂/θ₁)

Damit ist θ nicht nur ein praktischer Druck-Referenzwert. Bei fester Zusammensetzung ist sie eine monotone Koordinate der spezifischen Entropie: reversible trockene Adiabaten besitzen konstantes θ, irreversible diabatische oder dissipative Prozesse können θ ändern.

Darstellung der Beziehung T gleich potentielle Temperatur mal Exner-Funktion sowie der Erhaltung von theta entlang einer trockenen Adiabate.
M2K7 · T = θΠ trennt den aktuellen Druckeinfluss Π von der trockenadiabatisch konservierten Zustandskoordinate θ.
05 · Potential Temperature Lab

Einen Zustand trockenadiabatisch auf ein anderes Druckniveau verschieben.

Gib T₁ und p₁ eines trockenen Luftpakets sowie ein Zielniveau p₂ vor. Das Lab berechnet zunächst θ bei p₀ = 1000 hPa und anschließend die Temperatur T₂, die dasselbe Paket nach einer reversiblen trockenen Adiabate bei p₂ besitzt. θ muss in beiden Zuständen identisch bleiben.

θ-Invarianz p₀ = 1000 hPa · κ = Rd/cp trockenes kalorisch perfektes Gas · Lab-T-Bereich ca. 220–335 K
T-p-Diagramm eines trockenadiabatisch verschobenen Luftpakets Zustand 1 und Zustand 2 liegen auf derselben trockenen Adiabate. Der Referenzpunkt bei 1000 hPa besitzt die Temperatur theta. T-p-ABBILDUNG · θ = KONSTANT T p 1 2 p₀ 1000 hPa θ = —
θ
T₂
ΔT
Π₁
Π₂
θ₂ − θ₁
Referenzabbildung θ = T(p₀/p)κ relativer Invarianzfehler: —
Interpretation
06 · Was θ leistet

θ trennt Druckeffekt und thermodynamische Struktur.

Zwei Luftpakete können dieselbe aktuelle Temperatur besitzen und trotzdem unterschiedliche θ haben, wenn sie sich auf verschiedenen Druckniveaus befinden. Umgekehrt können zwei Pakete unterschiedliche T besitzen und dennoch auf derselben trockenen Adiabate liegen — dann ist ihr θ gleich.

Damit wird θ später zu einer zentralen Größe für Schichtung, statische Stabilität, Luftmassenanalyse und die Interpretation von Radiosondenprofilen.

07 · Grenzen

Feuchte Prozesse benötigen andere konservative Größen.

Die hier definierte potentielle Temperatur bezieht sich auf trockene reversible Adiabatik. Sobald Wasserdampf kondensiert, latente Wärme freigesetzt oder Feuchte ausgetauscht wird, ist θ im Allgemeinen nicht mehr konserviert.

M03 und M04 werden dafür zusätzliche Größen und Prozessmodelle einführen. Für trockene Dynamik bleibt θ jedoch die fundamentale Referenzkoordinate.

08 · Fehlmodelle vermeiden

Vier typische Verwechslungen.

×
„θ ist die Temperatur in 1000 m Höhe.“

Nein. Der Referenzwert bezieht sich auf 1000 hPa, also auf einen Druck, nicht auf eine feste geometrische Höhe.

×
„θ ist immer größer als T.“

Nur für p < p₀. Bei p > p₀ kann θ kleiner als T sein.

×
„Konstantes θ bedeutet isotherm.“

Nein. Entlang einer trockenen Adiabate kann T stark variieren, während θ konstant bleibt.

×
„θ bleibt bei jedem realen Luftpaket erhalten.“

Nur näherungsweise bei trockenen, nahezu adiabatischen und schwach dissipativen Bewegungen.

09 · Ergebnis

θ macht trockene Luftpakete druckunabhängig vergleichbar.

1 · Definition

θ = T(p₀/p)^κ mit p₀ = 1000 hPa.

2 · Exner

Π = (p/p₀)^κ und damit T = θΠ.

3 · Erhaltung

Reversible trockene Adiabatik hält θ konstant.

4 · Entropie

Bei trockener idealer Luft ist ln θ proportional zur spezifischen Entropie bis auf eine Referenzkonstante.

5 · Diagnose

θ wird zur Schlüsselgröße für vertikale Schichtung und Stabilität.

6 · Nächster Schritt

M2K8 leitet daraus den trockenadiabatischen Temperaturgradienten ab.

Cross-References

M2K6 · Adiabatische Prozesse M2K8 · Trockenadiabatischer Gradient M03 · Wasser in der Atmosphäre M04 · Stabilität, Auftrieb & Konvektion M09 · Beobachtung & Wetteranalyse
Nächster Schritt · M2K8 Trockenadiabatischer Gradient

Wie wird aus der trockenen Adiabate eine Temperaturänderung pro Höhenmeter — und warum liegt sie nahe 9,8 K/km?