Meteo Lab / M05 · Atmosphärische Dynamik & Wind / K01
M5K1 · Bewegungsgleichung & Kräfte

Wind ist beschleunigte Fluidbewegung unter einer Kräftebilanz.

Die Thermodynamik beschreibt den Zustand der Luft; Dynamik beschreibt, wie sich dieser Zustand bewegt. M5K1 führt die horizontale Bewegungsgleichung im rotierenden Bezugssystem ein und trennt Druckgradientkraft, Corioliskraft und eine vereinfachte Reibung explizit voneinander.

Zustand: v = (u,v) Beschleunigung: Dv/Dt Kräfte: PGF · Coriolis · Reibung
01 · Von Zustand zu Bewegung

Aus Druck- und Dichtefeldern wird erst durch die Bewegungsgleichung Wind.

M01–M04 haben Temperatur, Druck, Dichte, Feuchte und vertikale Parcelprozesse aufgebaut. Für die horizontale Dynamik wird nun die Windgeschwindigkeit selbst zur Zustandsgröße:

vh = (u,v).

Dabei bezeichnet u die Ostkomponente und v die Nordkomponente. Die zentrale Frage lautet nicht nur „welcher Wind herrscht?“, sondern: welche Beschleunigungen verändern diesen Wind?

Schematische Kette vom atmosphärischen Zustandsfeld aus Druck, Dichte und Temperatur über die Bewegungsgleichung zur horizontalen Windgeschwindigkeit und ihrer Beschleunigung.
M5K1 · Thermodynamische Felder werden über Kräfte und Beschleunigungen mit dem Windfeld gekoppelt.
02 · Materielle Ableitung

Ein Luftpaket kann sich beschleunigen, obwohl das lokale Feld zeitlich konstant erscheint.

Die Beschleunigung eines mitbewegten Fluidelements wird durch die materielle Ableitung beschrieben:

D/Dt = ∂/∂t + v · ∇.

Damit zerfällt die Änderung einer Feldgröße in eine lokale zeitliche Änderung und in Advektion durch räumliche Gradienten. Für den Wind selbst gilt:

Dv/Dt = ∂v/∂t + (v · ∇)v.

Diese Unterscheidung ist grundlegend: Meteorologische Strömungen sind Felder, aber ihre Dynamik wird entlang bewegter Luftpakete bilanziert.

03 · Horizontale Bewegungsgleichung

Druckgradient, Rotation und Reibung addieren sich vektoriell zur momentanen Beschleunigung.

In einem lokalen, mit der Erde rotierenden Bezugssystem verwenden wir als horizontale Grundform:

Dvh/Dt = −(1/ρ)∇hp − f k × vh + aF.

Dabei ist −(1/ρ)∇p die Druckgradientbeschleunigung, −f k×v die Coriolisbeschleunigung und aF eine Sammelgröße für Reibungs- und turbulente Impulstransporte.

Die vertikale Gravitation ist in dieser horizontalen Form nicht verschwunden, sondern wird im großräumigen Grundzustand weitgehend durch die hydrostatische Druckänderung mit der Höhe bilanziert.

Horizontale Vektordarstellung von Druckgradientbeschleunigung, Coriolisbeschleunigung, Reibung und resultierender Nettobeschleunigung eines Luftpakets.
M5K1 · Die Windentwicklung folgt aus der Vektorsumme verschiedener Beschleunigungen, nicht aus einer einzelnen Kraft.
04 · Rotierendes Bezugssystem

Die Corioliskraft hängt von Wind und geographischer Breite ab.

Für die lokale horizontale Näherung gilt

f = 2Ω sin φ,

mit Erdrotation Ω ≈ 7,292·10−5 s−1 und Breite φ. In Ost-/Nord-Komponenten wird

aC = (f v, −f u).

Auf der Nordhalbkugel wird Bewegung nach rechts, auf der Südhalbkugel nach links abgelenkt. Am Äquator verschwindet die vertikale Komponente von 2Ω — und damit f — in dieser lokalen horizontalen Näherung.

05 · Horizontal Acceleration Balance Lab

Eine momentane horizontale Beschleunigungsbilanz direkt aufbauen.

Das Lab betrachtet ein lokales 100-km-Segment, in dem der Druck nach Norden um Δp abnimmt. Damit zeigt die Druckgradientbeschleunigung nach Norden. Coriolis und eine einfache Rayleigh-Reibung werden aus dem vorgegebenen Wind berechnet.

momentane Beschleunigungsbilanz a = aPG + aC + aF x = Ost · y = Nord · Δy = 100 km · aF = −v/τ
Horizontale Beschleunigungsvektoren Druckgradientbeschleunigung, Coriolisbeschleunigung, vereinfachte Reibungsbeschleunigung und Nettobeschleunigung werden als Vektoren vom gleichen Ursprung dargestellt. HORIZONTAL ACCELERATION BALANCE Ost +x Nord +y PGF Coriolis Reibung Netto —
f—
aPG—
|aC|—
|aF|—
|anet|—
ug · Vorschau—
Ro100 km—
anet,x/y—
momentane Bilanz — —
Interpretation —
06 · Dynamische Skalen

Ob Rotation wichtig ist, hängt von Geschwindigkeit, Längenskala und Breite ab.

Eine zentrale dimensionslose Abschätzung ist die Rossby-Zahl:

Ro = U/(|f|L).

Für Ro ≪ 1 dominiert die Wirkung der Erdrotation auf der betrachteten Skala; für Ro ≳ 1 werden Trägheits- und lokale Beschleunigungen relativ wichtiger. Das Lab zeigt Ro für L = 100 km nur als Skalenhinweis — nicht als vollständige Strömungsklassifikation.

07 · Von Beschleunigung zu Wind

Ein Druckgradient erzeugt nicht automatisch Wind direkt zum tiefen Druck.

Zu Beginn kann die Druckgradientbeschleunigung tatsächlich in Richtung niedrigeren Drucks wirken. Sobald Wind entsteht, baut sich aber eine Coriolisbeschleunigung auf. Auf großen Skalen kann sich eine nahezu stationäre Balance einstellen, in der beide nahezu gegeneinander stehen.

Dieser Grenzfall ist der geostrophische Wind und wird in M5K4 formal hergeleitet. M5K2 und M5K3 behandeln zunächst Druckgradientkraft und Corioliskraft getrennt.

08 · Modellgrenzen

Das K01-Lab ist eine momentane Kräftebilanz, keine integrierte Trajektorie.

Die dargestellten Vektoren sind Beschleunigungen zu einem Zeitpunkt. Das Lab integriert weder Wind noch Position über die Zeit. Die Reibung wird als lineare Rayleigh-Dämpfung aF=−v/τ angenähert und ist keine realistische Grenzschichtschließung.

Außerdem verwendet das Lab die lokale f-Ebene und eine konstante Dichte über ein 100-km-Segment. Gradientwind, Ekman-Struktur, Divergenz, Vorticity und räumlich variable Coriolisparameter folgen in späteren Kapiteln.

09 · Ergebnis

Atmosphärische Dynamik beginnt mit einer sauberen Trennung von Zustand, Bewegung und Kraft.

1 · Bewegung

Wind ist das horizontale Geschwindigkeitsfeld v=(u,v).

2 · Beschleunigung

Die materielle Ableitung verbindet lokale Änderung und Advektion.

3 · Druckgradient

−∇p/ρ beschleunigt Luft in Richtung niedrigeren Drucks.

4 · Rotation

−f k×v koppelt vorhandene Bewegung an die Erdrotation.

5 · Bilanz

Die Nettobeschleunigung ist die Vektorsumme aller Beiträge.

6 · Nächster Schritt

M5K2 isoliert die Druckgradientkraft und leitet ihre Größe aus Druckfeldern ab.

Cross-References

Nächster Schritt · M5K2 Druckgradientkraft

Wie wird aus einem räumlichen Druckfeld eine gerichtete Beschleunigung — und welche Rolle spielt dabei die Dichte?