Meteo Lab / M07 · Strahlung, Boden & Grenzschicht / K01
M7K1 · Strahlungsbilanz der Oberfläche

Die Oberfläche gewinnt und verliert Energie durch kurz- und langwellige Strahlungsflüsse.

M07 beginnt an der Grenzfläche zwischen Atmosphäre und Boden. Einfallende Sonnenstrahlung wird teilweise reflektiert, langwellige atmosphärische Gegenstrahlung teilweise absorbiert und die Oberfläche emittiert selbst thermische Strahlung. Aus diesen Flüssen entsteht die Nettostrahlung Rn — der radiative Teil der späteren vollständigen Oberflächenenergiebilanz.

Kurzwellige Bilanz: K*=K↓−K↑Langwellige Bilanz: L*=L↓−L↑Nettostrahlung: Rn=K*+L*
01 · Strahlungsflüsse

Die Bilanz zählt gerichtete Energieflüsse — nicht einfach „Strahlung“ als einen einzigen Wert.

Wir verwenden die meteorologische Flussdichte in W/m². Nach unten gerichtete kurz- und langwellige Flüsse treffen auf die Oberfläche; nach oben gerichtete Flüsse verlassen sie. Für die Bilanz definieren wir positive Nettostrahlung als radiativen Energiegewinn der Oberfläche.

Rn = (K↓−K↑) + (L↓−L↑).

K steht für kurzwellige und L für langwellige Strahlung. Die Trennung ist physikalisch sinnvoll, weil Sonnenstrahlung und terrestrische Wärmestrahlung unterschiedliche Spektralbereiche und Oberflächeneigenschaften ansprechen.

Schematische Strahlungsbilanz einer Oberfläche. Kurzwellige Sonnenstrahlung und langwellige atmosphärische Gegenstrahlung zeigen nach unten; reflektierte Kurzwellige sowie emittierte und reflektierte Langwellige zeigen nach oben. Die Nettostrahlung ist als resultierender Energiefluss an der Oberfläche markiert.
M7K1 · Vier gerichtete Strahlungsflüsse bilden die radiative Energiebilanz an der Oberfläche.
02 · Kurzwellige Bilanz

Albedo bestimmt, welcher Anteil der einfallenden Sonnenstrahlung reflektiert wird.

Für eine opake Oberfläche definieren wir die kurzwellige Albedo α als reflektierten Anteil der einfallenden kurzwelligen Strahlung:

K↑ = αK↓,   K* = (1−α)K↓.

α liegt zwischen 0 und 1 und hängt von Material, Feuchte, Vegetation, Schnee, Einfallswinkel und Spektrum ab. Das Lab behandelt α als einen festen Breitbandwert; die reale spektrale und winkelabhängige Reflexion wird nicht aufgelöst.

03 · Langwellige Bilanz

Eine reale Oberfläche emittiert thermisch und kann einen kleinen Teil der Gegenstrahlung reflektieren.

Für eine opake graue Oberfläche mit langwelliger Emissivität ε gilt nach Kirchhoff im thermischen Spektralbereich zugleich eine Absorptivität ε und eine Reflexivität 1−ε. Der nach oben gerichtete langwellige Fluss setzt sich daher aus Emission und Reflexion zusammen:

L↑ = εσTs4 + (1−ε)L↓.

Damit folgt unmittelbar

L* = ε[L↓−σTs4].

σ=5.670374419×10⁻⁸ W m⁻² K⁻⁴ ist die Stefan-Boltzmann-Konstante und Ts die absolute Oberflächentemperatur.

04 · Nettostrahlung

Kurz- und Langwelle addieren sich zu einem radiativen Energieüberschuss oder -defizit.

Rn = (1−α)K↓ + ε[L↓−σTs4].

Rn>0 bedeutet radiativen Energiegewinn der Oberfläche, Rn<0 radiativen Verlust. Entscheidend: Das ist noch keine Temperaturtendenz. Die Energie kann anschließend in sensible Wärme, latente Wärme, Bodenwärmestrom, Speicherung oder weitere Prozesse gehen.

05 · Surface Radiation Budget Lab

Wie reagieren reflektierte, emittierte und netto absorbierte Strahlungsflüsse auf Oberfläche und Atmosphäre?

Das Lab implementiert exakt die oben definierte graue, opake Oberfläche. Es variiert K↓, L↓, α, ε und Ts. Zusätzlich wird eine rein radiative Gleichgewichtstemperatur diagnostiziert, bei der Rn=0 wäre — ausdrücklich ohne sensible, latente oder Bodenwärmeflüsse.

opake graue Oberfläche · radiative FlüsseRn=(1−α)K↓+ε(L↓−σTs4)positives Rn = Energiegewinn der Oberfläche · keine turbulenten oder Bodenwärmeflüsse
Interaktive Strahlungsflüsse an einer OberflächePfeile zeigen kurzwellige Einstrahlung und Reflexion sowie langwellige Gegenstrahlung und Ausstrahlung. Ein Balken zeigt die resultierende Nettostrahlung.SURFACE RADIATION BUDGETOberflächeK↓K↑L↓L↑—
K↑—
K*—
εσT⁴—
LW Reflexion—
L↑—
L*—
Rn—
ΔE in 1 h—
Radiative Diagnose——
Interpretation—
06 · Albedo & Emissivität

α und ε beschreiben verschiedene Spektralbereiche und dürfen nicht miteinander verwechselt werden.

Albedo α kontrolliert im Lab die kurzwellige Reflexion. Emissivität ε kontrolliert die thermische Emission und — für die opake graue Oberfläche — zugleich die langwellige Absorption. Eine helle Oberfläche kann kurzwellige Strahlung stark reflektieren und trotzdem langwellig fast wie ein Schwarzkörper emittieren.

Für viele natürliche Oberflächen liegt die thermische Infrarot-Emissivität nahe 1; deshalb ist der Unterschied zwischen εσT⁴ und σT⁴ oft kleiner als der Unterschied zwischen den kurzwelligen Albedos verschiedener Oberflächen.

07 · Atmosphäre & Gegenstrahlung

L↓ koppelt die Oberflächenbilanz direkt an Temperatur, Feuchte und Wolken der Atmosphäre.

Wasserdampf, Wolken und andere infrarotaktive Gase emittieren langwellige Strahlung nach unten. L↓ ist daher keine feste „Hintergrundkonstante“, sondern reagiert stark auf die thermodynamische Struktur der unteren Atmosphäre. Bewölkung kann gleichzeitig K↓ verringern und L↓ erhöhen.

Dieses Kapitel parametrisiert die Atmosphäre nur über die vorgegebenen Eingangsflüsse K↓ und L↓. Die Strahlungsübertragung durch die Atmosphäre selbst folgt in M7K2 und M7K3 schrittweise detaillierter.

08 · Modellgrenzen

Rn ist der radiative Eingang der Oberflächenenergiebilanz — nicht ihre vollständige Schließung.

Das Lab enthält keine sensible Wärme H, keine latente Wärme LE, keinen Bodenwärmestrom G und keine Wärmespeicherung. Es berücksichtigt außerdem keine spektrale Abhängigkeit, keine gerichtete BRDF, keine Schatten, keine Mehrfachreflexion, keine Vegetationsschicht und keine räumliche Heterogenität.

Die diagnostizierte Temperatur für Rn=0 ist daher eine rein radiative Gleichgewichtstemperatur. Sie ist nicht die prognostizierte reale Oberflächentemperatur. M7K4 erweitert die Bilanz um die nicht-radiativen Energieflüsse.

Schema der Oberflächenenergiebilanz. Nettostrahlung Rn speist sensible Wärme H, latente Wärme LE, Bodenwärmestrom G und Speicherung. Das Diagramm kennzeichnet M7K1 als radiativen Teil und die späteren Kapitel als Erweiterung zur vollständigen Energiebilanz.
M7K1 · Rn ist ein Eingang der vollständigen Oberflächenenergiebilanz, nicht deren alleinige Temperaturprognose.
09 · Ergebnis

Die Strahlungsbilanz liefert den ersten Energiefluss an der Oberfläche.

1 · Vier Flüsse

K↓, K↑, L↓ und L↑ bestimmen die radiative Bilanz.

2 · Albedo

α steuert die kurzwellige Reflexion: K↑=αK↓.

3 · Emissivität

ε koppelt langwellige Absorption und thermische Emission einer grauen opaken Oberfläche.

4 · Stefan-Boltzmann

Thermische Emission wächst mit Ts4.

5 · Nettostrahlung

Rn>0 bedeutet radiativen Energiegewinn, Rn<0 radiativen Verlust.

6 · Keine Temperaturgleichung

Erst sensible, latente, Boden- und Speicherflüsse schließen die Oberflächenenergiebilanz.

Cross-References

Nächster Schritt · M7K2Solargeometrie & kurzwellige Strahlung

Wie bestimmen Sonnenstand, Einfallswinkel und atmosphärische Transmission die einfallende kurzwellige Strahlung?