Meteo Lab / M09 · Beobachtung & Wetteranalyse / K02
M9K2 · Radiosonde & Vertikalprofil

Eine Radiosonde macht aus einer Punktbeobachtung ein vertikales Profil von Temperatur, Feuchte, Druck und Wind.

Die Sonde steigt mit dem Ballon durch die Atmosphäre, driftet mit dem Wind und überträgt Messwerte zur Bodenstation. Erst die gemeinsame Vertikalachse macht Schichtungen, Inversionen, Feuchtegradienten und Windscherung direkt beobachtbar. M9K2 trennt dabei Messkanal, Profilgeometrie und daraus abgeleitete Diagnose.

In situ: T · RH · pDrift: GPS → WindProfil: T · Td · θ · ΔU
01 · Messsystem

Die Radiosonde ist eine bewegte Wetterstation.

Temperatur-, Feuchte- und Drucksensoren werden unter einem Wetterballon in die freie Atmosphäre getragen. GPS-Position und Zeit liefern zusätzlich die horizontale Drift und damit den Wind entlang der Flugbahn. Die Messung ist deshalb ein zeitlich fortschreitender, räumlich driftender Vertikalschnitt und kein gleichzeitig aufgenommenes Säulenbild.

Radiosonde unter einem Wetterballon mit Sensoren für Temperatur, Feuchte und Druck, GPS-Drift zur Windbestimmung und Telemetrie zur Bodenstation.
M9K2 · Sonde, Drift und Telemetrie bilden gemeinsam das Beobachtungssystem.
02 · Druck & Höhe

Druck ist eine direkte Messgröße; Höhe ist mit Hydrostatik und Geometrie verknüpft.

Mit zunehmender Höhe nimmt der Druck ab. Für eine dünne Schicht folgt aus dem hydrostatischen Gleichgewicht

dp/dz = −ρg.

Radiosondenprodukte arbeiten häufig primär auf Druckflächen und leiten geopotentielle Höhen daraus ab. Im Lab wird die Druckabnahme schichtweise mit der lokalen virtuellen Temperatur integriert, damit die Kopplung zwischen Temperatur, Feuchte und Druck explizit bleibt.

03 · T, RH & Taupunkt

Der Abstand zwischen Temperatur und Taupunkt macht die Feuchtestruktur sichtbar.

Aus gemessener Temperatur und relativer Feuchte lässt sich wie in M3K7 der Taupunkt bestimmen. Kleine T−Td-Abstände markieren feuchte oder gesättigte Schichten; große Abstände trockene Schichten. Ein Vertikalprofil kann daher Feuchteschichten zeigen, die eine einzelne Bodenstation nicht erkennt.

Das Lehrprofil verwendet eine mit der Höhe exponentiell abnehmende spezifische Feuchte und begrenzt sie auf Sättigung. Das ist eine transparente synthetische Profilannahme, kein Ersatz für reale Radiosondendaten.

Schematisches Vertikalprofil mit Temperatur, Taupunkt, Druck, Inversionsschicht und Windgeschwindigkeit auf gemeinsamer Höhenachse.
M9K2 · Temperatur, Taupunkt, Druck und Wind werden entlang derselben Vertikalkoordinate gelesen.
04 · Wind aus GPS-Drift

Vertikaler Windwechsel wird aus der horizontalen Verlagerung der Sonde rekonstruiert.

Die horizontale GPS-Bewegung zwischen aufeinanderfolgenden Messpunkten liefert den Windvektor. Eine Radiosonde misst den Wind also nicht mit einem kleinen Anemometer, sondern aus ihrer Drift. Änderungen des Windvektors mit der Höhe ergeben vertikale Windscherung.

Das Lab verwendet einen bewusst einfachen kollinearen Lehrfall: die Windrichtung bleibt bei 240°, während die Geschwindigkeit bis 6 km linear zunimmt. So entspricht die eingestellte Geschwindigkeitsdifferenz direkt der 0–6-km-Bulk-Scherung.

05 · Stabilität & Inversion

Eine Inversion ist im beobachteten Umweltprofil direkt als Temperaturzunahme mit der Höhe sichtbar.

Der Grundgradient Γ beschreibt im Lab die troposphärische Temperaturabnahme. Eine zusätzliche Erwärmung ΔTinv wird über eine 0,6-km-Schicht verteilt. Der lokale Gradient innerhalb der Schicht lautet

dT/dz = −Γ + ΔTinv/0,6 km.

Nur wenn dieser Ausdruck positiv wird, liegt im Modell eine echte Temperaturinversion vor. Andernfalls ist die Schicht lediglich stabiler bzw. weniger stark abkühlend als ihre Umgebung.

06 · Sounding Profile Lab

Ein synthetisches Sounding aufbauen und Messprofil von Diagnose unterscheiden.

Das Lab erzeugt ein zehn Kilometer hohes Lehrprofil. Es koppelt Temperaturgradient, Inversionsschicht, Feuchteabnahme, hydrostatischen Druck und einen einfachen Windscherungsfall. CAPE, CIN oder Parcelaufstieg werden absichtlich nicht berechnet: hier steht zuerst das beobachtete Umweltprofil im Mittelpunkt.

Radiosonde · environmental profileTemperatur, Feuchte, Druck und Wind auf einer gemeinsamen Vertikalachse.pₛ=950 hPa · z_top=10 km · Inversionsdicke=0,6 km · Aufstieg=5 m/s · Windrichtung=240° im Lehrfall
Synthetisches RadiosondenprofilLinks werden Temperatur und Taupunkt mit einer markierten Inversionsschicht gegen die Höhe dargestellt. Rechts zeigt ein vereinfachtes Windgeschwindigkeitsprofil; an mehreren Höhen stehen die hydrostatisch integrierten Druckwerte.RADIOSONDE · SYNTHETIC ENVIRONMENT PROFILE Temperatur / Taupunkt0 °C0246810 km−110−3540 °CTTd Windgeschwindigkeit / Druck02040 m/s—————— —
Td₀—
q₀—
0-°C-Niveau—
p bei 5 km—
Δθ 0→3 km—
Inversion?—
ΔU₀₋₆—
10-km-Aufstiegszeit—
Profilregime——
Interpretation—
07 · Sounding-Darstellung & QC

Ein Profil ist erst mit Zeit, Ort, Sensorstatus und Plausibilitätsprüfung belastbar.

Operationell werden Temperatur und Taupunkt häufig auf Skew-T/log-p- oder ähnlichen thermodynamischen Diagrammen dargestellt. Druck ist dabei die natürliche Vertikalkoordinate. Zusätzlich gehören Startzeit, Stationsposition, Ballonflugweg, Sensorfehler und Datenlücken zur Interpretation.

Plausibilitätskontrollen prüfen unter anderem unrealistische Sprünge, vereiste oder solar erwärmte Sensoren und inkonsistente Feuchtewerte. Ein glattes Profil ist nicht automatisch ein gutes Profil — und ein scharfer Sprung nicht automatisch ein Messfehler.

08 · Repräsentativität

Die Sonde tastet eine Flugbahn ab, keine vertikale Linie und keinen ganzen Wetterraum.

Winddrift kann die Sonde über viele Kilometer versetzen. Während eines typischen Aufstiegs verändert sich außerdem die Atmosphäre. Das Profil enthält deshalb sowohl vertikale Struktur als auch räumliche und zeitliche Unterschiede.

Das Lab verwendet dagegen einen stationären, horizontal homogenen Lehrzustand. Es zeigt, wie die Messgrößen gekoppelt werden, nicht wie reale mesoskalige Strukturen rekonstruiert werden.

09 · Ergebnis

Eine Radiosonde verwandelt die Vertikale in eine beobachtbare Zustandsstruktur.

1 · In situ

T, RH und p werden entlang der Ballonbahn direkt gemessen.

2 · Drift

GPS-Verlagerung liefert Wind und begrenzt zugleich die räumliche Repräsentativität.

3 · Feuchte

T und Td zeigen trockene, feuchte und gesättigte Schichten.

4 · Hydrostatik

Druck und Höhe sind über Dichte und virtuelle Temperatur gekoppelt.

5 · Inversion

Eine echte Inversion erfordert lokal dT/dz>0.

6 · Diagnose

CAPE/CIN sind nachgelagerte Parcel-Diagnosen, nicht direkte Radiosondenmessungen.

Cross-References

Nächster Schritt · M9K3Wetterradar

Wie wird aus ausgesendeter Mikrowellenenergie eine räumliche Beobachtung von Hydrometeoren, Niederschlag und Bewegung?