Meteo Lab / M09 · Beobachtung & Wetteranalyse / K03
M9K3 · Wetterradar

Wetterradar beobachtet Streuung und Bewegung von Hydrometeoren in einem dreidimensionalen Abtastvolumen.

Anders als Wetterstation und Radiosonde ist Radar ein aktives Fernerkundungssystem: Es sendet Mikrowellenimpulse aus, misst die rückgestreute Leistung und bestimmt aus Laufzeit, Antennenrichtung und Doppler-Verschiebung räumliche Radar-Momente. Reflektivität, Radialgeschwindigkeit und dual-polarimetrische Größen sind deshalb Beobachtungen des elektromagnetischen Streuprozesses — keine direkten Messungen von Regenrate, Hagelgröße oder vollständigem Windvektor.

Geometrie: Range · Elevation · BeamMoment 1: Reflektivität dBZMoment 2: Radialgeschwindigkeit
01 · Aktive Fernerkundung

Das Radar beleuchtet die Atmosphäre selbst und misst das Echo.

Ein Wetterradar sendet kurze Mikrowellenimpulse in eine bekannte Richtung. Aus der Laufzeit folgt die Entfernung des streuenden Volumens; Azimut und Elevation der Antenne liefern die Richtung. Viele aufeinanderfolgende Strahlen bilden einen Elevationsschnitt, mehrere Elevationen einen Volumenscan.

Das Messsignal stammt von Hydrometeoren im gesamten Radar-Abtastvolumen. Ein einzelner Pixel ist deshalb kein Punktwert, sondern eine räumlich gemittelte elektromagnetische Rückstreuung.

Vertikalschnitt eines Wetterradars mit mehreren Elevationsstrahlen über einer gekrümmten Erdoberfläche. Mit Entfernung steigen Strahlhöhe und Strahlbreite; ein Niederschlagsgebiet wird in unterschiedlichen Höhen geschnitten.
M9K3 · Radarstrahlen steigen relativ zur Erdoberfläche an und werden mit der Entfernung breiter.
02 · Strahlgeometrie

Radarreichweite ist nicht gleich bodennahe Reichweite.

Unter Standardrefraktion wird die Krümmung des Radarstrahls oft durch einen effektiven Erdradius kRE mit k≈4/3 angenähert. Für Entfernung r, Elevation ε und Radarhöhe zradar lautet die Strahlmittenhöhe über MSL näherungsweise

hMSL = zradar + √[r² + (kRE)² + 2rkRE sin ε] − kRE.

Zusätzlich wächst der vertikale Durchmesser des Strahls mit der Entfernung. Niedrige Niederschlagsschichten können deshalb in großer Entfernung teilweise oder vollständig unter dem Radarstrahl liegen.

03 · Reflektivität Z & dBZ

Große Hydrometeore dominieren die Reflektivität überproportional.

Im Rayleigh-Grenzfall ist der Radar-Reflektivitätsfaktor proportional zur Summe der sechsten Potenz der äquivalenten Tropfendurchmesser:

Z = Σ D⁶,    dBZ = 10 log₁₀(Z / 1 mm⁶ m⁻³).

Damit können wenige größere Tropfen einen viel stärkeren Beitrag liefern als viele kleine. Hohe dBZ sind deshalb keine eindeutige direkte Messung der Wassermenge. Bei großen Hagelkörnern, Schmelzschichten und nicht-kugelförmigen Eispartikeln werden die Streueigenschaften zusätzlich komplexer.

Vergleich von Radarreflektivität und Doppler-Radialgeschwindigkeit. Links zeigt die D-hoch-sechs-Abhängigkeit die Dominanz größerer Tropfen. Rechts wird ein Windvektor auf die Radarstrahlrichtung projiziert und Doppler-Aliasing erläutert.
M9K3 · Reflektivität und Doppler beantworten unterschiedliche Beobachtungsfragen.
04 · Von Z zu Regenrate

Regenrate aus Radar ist eine Retrieval-Beziehung, keine direkte Messung.

Eine verbreitete empirische Form ist

Z = aRᵇ.

Das Lab verwendet als transparentes Lehrbeispiel Z=200R1,6. Dieselbe Reflektivität kann jedoch aus verschiedenen Tropfenspektren entstehen. Deshalb vergleicht das Lab die aus D und N direkt berechnete monodisperse Wasserflussrate aus M8K5 mit der Z–R-Rückrechnung. Die Differenz ist Teil des Lernziels, nicht ein Modellfehler.

05 · Doppler & Nyquist

Radar misst nur die Geschwindigkeitskomponente entlang der Sichtlinie.

Für einen horizontalen Windvektor V und den Winkel Δφ zwischen Wind und Radarstrahl gilt im Lehrfall

vr = V cos(Δφ).

Im Kapitel ist positiv = vom Radar weg definiert. Bewegung quer zum Radarstrahl erzeugt nahezu keine Radialgeschwindigkeit. Pulswiederholfrequenz und Wellenlänge begrenzen außerdem die eindeutig messbare Nyquist-Geschwindigkeit. Wird |vr| größer als VN, erscheint die Geschwindigkeit gefaltet im gegenüberliegenden Teil des Messintervalls.

06 · Radar Observation Lab

Strahlgeometrie, Reflektivität und Doppler in einem Messvolumen koppeln.

Das Lab verbindet drei Beobachtungsaspekte, hält sie aber physikalisch getrennt: Beam-Höhe aus Range/Elevation, Reflektivität aus einer monodispersen Regenpopulation und Doppler aus der Projektion eines horizontalen Windvektors. Die Regenpopulation nutzt bewusst dieselbe Fallgeschwindigkeits- und Flusslogik wie M8K5.

Radar · beam geometry · reflectivity · DopplerEin Radarvolumen als Geometrie-, Streu- und Geschwindigkeitsmessung lesen.4/3-Erdradius · Radarhöhe 0,50 km · Beamwidth 1,0° · monodisperser Regen · positiv = vom Radar weg
Radar-Beam-Geometrie und MessmomenteLinks zeigt ein Vertikalschnitt den Radarstrahl bis zur gewählten Entfernung und seine vertikale Breite. Rechts werden Reflektivität, zwei Regenraten und wahre sowie beobachtete Radialgeschwindigkeit dargestellt.WEATHER RADAR · OBSERVATION VOLUME Beam-Geometrie · 0–250 km / 0–25 km0125250 km0510152025 km Radar-MomenteReflektivität · −80…70 dBZ−80−42−53370R_micro · log 0…≈10³R_ZR · log 0…≈10³Radialgeschwindigkeit · −50…+50 m/s−500+50wahrbeobachtet —
Beam-Mitte—
Beam-Dicke—
Reflektivität—
R aus D,N—
R aus Z–R—
wahres vr—
beobachtetes vr—
Aliasing?—
Radarzustand——
Interpretation—
07 · Dual-Polarisation

Polarimetrische Größen liefern zusätzliche Information über Form und Phasenmischung.

Dual-polarimetrische Radare senden bzw. empfangen horizontal und vertikal polarisierte Wellen. Größen wie ZDR, KDP und ρHV reagieren unterschiedlich auf Tropfenform, Partikelorientierung, Flüssigwasser und gemischte Hydrometeorpopulationen.

Damit lassen sich Hydrometeor-Klassen besser unterscheiden als mit Z allein. Eine eindeutige Partikelidentifikation entsteht trotzdem nicht aus einer einzelnen Größe; Klassifikatoren kombinieren mehrere Radarvariablen und Kontextinformationen.

08 · Artefakte & Grenzen

Radarbilder enthalten Messphysik, Geometrie und Störsignale gleichzeitig.

Wichtige Grenzen sind Bodenechos, anomale Ausbreitung, Abschattung, Dämpfung, Bright Band in der Schmelzschicht, Doppler-Aliasing und das Überschießen flacher Niederschlagsgebiete in großer Entfernung. Außerdem nimmt das Radar-Abtastvolumen mit Range stark zu.

Eine robuste Wetteranalyse interpretiert Radar deshalb gemeinsam mit Stationsdaten, Radiosonden, Satellit und zeitlicher Entwicklung — nicht als isolierte „Wahrheitskarte“.

09 · Ergebnis

Radar ist eine räumliche Beobachtung von Streuung und Radialbewegung.

1 · Volumen

Ein Radar-Gate repräsentiert ein endliches Abtastvolumen, keinen Punkt.

2 · Geometrie

Strahlhöhe und Strahlbreite wachsen mit Entfernung und Elevation.

3 · Z

Reflektivität reagiert im Rayleigh-Fall extrem stark auf Partikelgröße.

4 · R

Regenrate aus dBZ ist ein Retrieval mit Annahmen über das Tropfenspektrum.

5 · Doppler

Gemessen wird nur Bewegung entlang des Radarstrahls.

6 · Kontext

Artefakte und Beam-Geometrie gehören zur meteorologischen Interpretation.

Cross-References

Nächster Schritt · M9K4Wettersatelliten

Wie ergänzen passive Fernerkundung, Spektralkanäle und geostationäre Bildfolgen die volumetrische Radarbeobachtung?