Meteo Lab / M08 · Wolken, Niederschlag & Gewitter / K04
M8K4 · Bergeron-Findeisen-Prozess

In Mischphasenwolken kann Eis wachsen, obwohl flüssige Tröpfchen gleichzeitig verdunsten.

Der Grund liegt nicht in einer geheimen „Anziehung“ des Eises, sondern in zwei unterschiedlichen Sättigungsdampfdruckkurven. Unter 0 °C ist der Gleichgewichtsdampfdruck über Eis kleiner als über unterkühltem Wasser. Befindet sich Wasserdampf zwischen beiden Werten, ist die Luft gegenüber Eis übersättigt und gegenüber Wasser untersättigt.

Mischphase: Wasser + EisSchlüssel: esi < eswFolge: Deposition auf Eis · Verdunstung von Tropfen
01 · Mischphasenwolke

Unterkühltes Wasser und Eis können in derselben Wolke koexistieren.

Flüssige Wolkentröpfchen gefrieren nicht automatisch bei 0 °C. In realen Wolken kann unterkühltes flüssiges Wasser bis weit unter den Gefrierpunkt bestehen. Gleichzeitig können Eiskristalle vorhanden sein, wenn geeignete Eisnukleationsprozesse stattgefunden haben.

Der Bergeron-Findeisen-Prozess setzt genau diese Koexistenz voraus. Ohne vorhandene Eisphase gibt es trotz unterschiedlicher Wasser- und Eissättigungskurven keinen Dampfpfad, der bevorzugt Eiskristalle wachsen lässt.

Schematische Mischphasenwolke mit unterkühlten Wassertröpfchen, Wasserdampf und einem Eiskristall. Pfeile zeigen Dampftransport von der Tröpfchenumgebung zum Eis, wenn der Dampfdruck zwischen Wasser- und Eissättigung liegt.
M8K4 · Der Prozess benötigt eine Mischphase: flüssige Tröpfchen liefern über Verdunstung Dampf nach, während Eis durch Deposition wachsen kann.
02 · Zwei Sättigungskurven

Unter 0 °C ist der Sättigungsdampfdruck über Eis kleiner.

Wie bereits in M3K4 gilt für dieselbe negative Temperatur

esi(T) < esw(T).

Das liegt an den unterschiedlichen chemischen Potentialen der festen und flüssigen Phase. In M8K4 verwenden wir dieselben Buck-Näherungen wie im Feuchtemodul, damit die Mikroanalyse exakt an die frühere Thermodynamik anschließt.

Buck-Sättigungsdampfdruckkurven über unterkühltem Wasser und Eis zwischen minus vierzig und null Grad. Die Wasser-Kurve liegt oberhalb der Eis-Kurve; der Bereich dazwischen ist schattiert.
M8K4 · Das schattierte Band ist ein thermodynamisches Dampfdrückefenster, keine Wachstumsrate.
03 · Bergeron-Findeisen-Fenster

Zwischen esi und esw reagieren Eis und Wasser entgegengesetzt.

Für einen aktuellen Dampfdruck e gilt im klassischen Fenster:

esi(T) < e < esw(T).

Dann ist die relative Feuchte gegenüber Eis größer als 100 %, während sie gegenüber Wasser kleiner als 100 % ist. Wasserdampf deponiert auf Eiskristallen; flüssige Tröpfchen befinden sich dagegen in einer untersättigten Umgebung und können verdunsten.

Bei Wassersättigung e=esw sind flüssige Tröpfchen näherungsweise im Gleichgewicht, aber Eis bleibt wegen esw>esi übersättigt. Verbraucht Eis Wasserdampf, muss Verdunstung flüssiger Tröpfchen Dampf nachliefern, wenn die Umgebung nahe Wassersättigung bleiben soll.

04 · Relative Feuchte über Wasser und Eis

Dieselbe Luft hat gleichzeitig zwei verschiedene relative Feuchten.

RHw=100·e/esw,   RHi=100·e/esi.

Weil esi<esw, ist RHi unter 0 °C stets größer als RHw für denselben Dampfdruck. Die Schwelle zur Eissättigung, ausgedrückt als relative Feuchte gegenüber Wasser, lautet

RHw,ice=100·esi/esw.

Liegt RHw zwischen RHw,ice und 100 %, befindet sich die Mischphase im Bergeron-Findeisen-Fenster.

05 · Temperaturabhängigkeit

Mit sinkender Temperatur trennen sich die beiden Sättigungskurven stärker.

Nahe 0 °C unterscheiden sich esw und esi nur wenig. Bei tieferen Temperaturen wächst ihre relative Differenz. Dadurch kann die Übersättigung gegenüber Eis bei Wassersättigung erheblich werden.

Das allein bedeutet jedoch nicht, dass der Prozess bei beliebig tiefen Temperaturen immer effizienter wird. Eiskristallzahl, Kristallhabitus, Diffusions- und Wärmeleitungswiderstände, Ventilation sowie die Verfügbarkeit unterkühlten Flüssigwassers bestimmen die tatsächliche Wachstumsrate. Unter etwa −38 °C wird außerdem homogene Gefrierung flüssiger Tröpfchen zunehmend relevant, sodass die Annahme einer langlebigen Mischphase schwächer wird.

06 · Mixed-Phase Vapor Competition Lab

Wasser- und Eissättigung, Dampfdruck und Phasenanwesenheit gemeinsam diagnostizieren.

Das Lab verwendet exakt die Buck-Sättigungsfunktionen aus M3K4. Temperatur und RHw setzen den aktuellen Dampfdruck; der Gesamtdruck verändert nicht die Sättigungsdampfdrucke selbst, sondern die zugehörige Differenz der spezifischen Feuchten. Der Schalter „Eisphase“ macht sichtbar, dass die thermodynamische Triebkraft allein noch keinen Bergeron-Findeisen-Prozess erzeugt.

Buck · Wasser/Eis · MischphaseThermodynamische Dampfkonkurrenz in einer unterkühlten Wolke.T = −35…−1 °C · RHw = 80…105 % · kein kinetisches Wachstumsmodell
Sättigungsdampfdruck und aktueller Dampfdruck in einer MischphasenwolkeKurven zeigen Sättigungsdampfdruck über Wasser und Eis von minus vierzig bis null Grad Celsius. Drei Marker zeigen bei der gewählten Temperatur die Wasser-Sättigung, Eis-Sättigung und den aktuellen Dampfdruck.MIXED-PHASE VAPOR COMPETITION−40−30−20−100 °C0246 hPaeₛweₛᵢe aktuell—
esw—
esi—
e aktuell—
RHi—
Si—
Sw—
RHw bei Eissättigung—
Δqsat—
Δρv,sat—
Regime——
Interpretation—
07 · Was wirklich wächst

Die Sättigungsdifferenz liefert eine Triebkraft, aber noch keine Wachstumsrate.

Die Differenz esw−esi beziehungsweise qsw−qsi beschreibt, wie verschieden die beiden Gleichgewichtszustände sind. Eine reale Depositionsrate eines Eiskristalls hängt zusätzlich von Kristallgröße und -form, Diffusion, Wärmeabfuhr, Oberflächenkinetik und Ventilation ab.

Deshalb berechnet das Lab bewusst keine scheinpräzise Zeit bis zu einer bestimmten Kristallgröße. M8K6 behandelt später die Formen und Wachstumswege von Schnee und Eis; M8K5 betrachtet zuvor den warmen Regenweg über Kollision und Koaleszenz.

08 · Grenzen & Missverständnisse

„Eis saugt Wasser aus Tropfen“ ist nur eine Kurzform.

Der Transport erfolgt über die Dampfphase. Ein Eiskristall nimmt nicht direkt Flüssigwasser aus entfernten Tröpfchen auf. Er senkt lokal den Dampfdruck, weil Wasserdampf auf seiner Oberfläche deponiert. Sind die Tröpfchen gleichzeitig gegenüber ihrer Wasseroberfläche untersättigt, verdunsten sie und speisen das Dampfreservoir nach.

Ebenso reicht eine negative Temperatur allein nicht aus. Ohne Eisnukleation oder vorhandene Eiskristalle bleibt die Wolke unter Umständen lange rein flüssig und unterkühlt. Der Prozess ist daher eine Kopplung aus Thermodynamik, Phasenverfügbarkeit und Transport.

09 · Ergebnis

Bergeron-Findeisen ist ein Gleichgewichtsgefälle zwischen zwei Oberflächenarten.

1 · Mischphase

Unterkühltes Wasser und Eis müssen gleichzeitig vorhanden sein.

2 · Zwei Kurven

Unter 0 °C gilt esi<esw.

3 · Fenster

Zwischen beiden Sättigungswerten wächst Eis, während Wasser verdunstet.

4 · RH-Bezug

Dieselbe Luft kann gegenüber Eis übersättigt und gegenüber Wasser untersättigt sein.

5 · Dampfpfad

Der Massentransfer erfolgt über Wasserdampf, nicht direkt von Tropfen zu Kristall.

6 · Rate

Sättigungsdifferenz ist Triebkraft, aber keine vollständige Wachstumsrate.

Cross-References

Nächster Schritt · M8K5Regen

Wie werden aus Wolkentröpfchen durch Kollision, Koaleszenz und differenzielle Fallgeschwindigkeit Regentropfen?