Meteo Lab / M03 · Wasser in der Atmosphäre / K05
M3K5 · Relative Feuchte

Relative Feuchte misst den Abstand zur Sättigung.

Die relative Feuchte vergleicht den aktuellen Dampfdruck e mit dem temperaturabhängigen Sättigungsdampfdruck es(T). Sie ist daher keine direkte Angabe der absoluten Wasserdampfmenge, sondern eine dimensionslose Verhältnisgröße, die sich bei unverändertem e allein durch eine Temperaturänderung stark verändern kann.

Definition: φ = e/es(T) Anzeige: RH = 100 φ % Sättigung: RH = 100 %
01 · Definition

Relative Feuchte ist ein Verhältnis von aktuellem zu möglichem Gleichgewichts-Dampfdruck.

Für eine festgelegte Referenzphase gilt:

φ = e / es(T)

Üblicherweise wird die dimensionslose Zahl als Prozentwert angegeben:

RH = 100 · e / es(T) %

Bei RH = 50 % ist der aktuelle Dampfdruck halb so groß wie der Sättigungsdampfdruck der gewählten Referenzphase. Bei RH = 100 % ist der Sättigungszustand erreicht.

Relative Feuchte als Verhältnis des aktuellen Dampfdrucks e zum Sättigungsdampfdruck es.
M3K5 · Relative Feuchte ist eine Verhältnisgröße: aktueller Dampfdruck geteilt durch Sättigungsdampfdruck.
02 · Temperaturwirkung

Bei konstantem e steigt RH beim Abkühlen.

Der aktuelle Dampfdruck kann kurzfristig annähernd konstant bleiben, während sich die Temperatur ändert. Da es(T) beim Abkühlen stark sinkt, wächst das Verhältnis e/es(T).

e konstant → T ↓ → es ↓ → RH ↑

Umgekehrt senkt Erwärmung bei gleichem e die relative Feuchte. Ein Raum kann deshalb nach dem Aufheizen „trockener“ wirken, obwohl ihm kein Wasserdampf entzogen wurde.

03 · Sensitivität

Die Temperaturabhängigkeit folgt direkt aus Clausius–Clapeyron.

Bei konstantem aktuellem Dampfdruck gilt:

d ln(φ) / dT = − d ln(es) / dT

Nahe 20 °C beträgt die lokale relative Steigung von es ungefähr +6,2 % pro Kelvin. Damit fällt RH bei konstantem e lokal ungefähr in derselben relativen Größenordnung pro Kelvin. Diese Aussage ist lokal und nicht über große Temperaturintervalle konstant.

04 · Referenzphase

Unter 0 °C muss die Bezugsphase genannt werden.

Weil esi(T) unterhalb des Gefrierpunkts kleiner als esw(T) ist, ergeben sich zwei verschiedene relative Feuchten:

RHw = 100 · e/esw(T)
RHi = 100 · e/esi(T)

Für T < 0 °C gilt bei gleichem e:

RHi > RHw

Damit kann Luft gegenüber Eis übersättigt sein, obwohl sie gegenüber flüssigem Wasser noch untersättigt ist. Das ist für Mischphasenwolken zentral.

Bei konstantem Dampfdruck steigt die relative Feuchte beim Abkühlen, bis die Sättigungskurve erreicht wird.
M3K5 · Kühlung bei nahezu konstantem e bewegt den Zustand relativ zur Sättigungskurve in Richtung 100 %.
05 · Relative Humidity Lab

T, e und p getrennt steuern — RH, Wasser-/Eisbezug und Stoffmengenanteil beobachten.

Das Lab hält die Größen bewusst getrennt: T bestimmt die Sättigungsgrenze, e den tatsächlich vorhandenen Wasserdampf und p den Gesamtdruck. Dadurch wird sichtbar, dass RH bei festem T und e nicht vom Gesamtdruck abhängt, der Stoffmengenanteil xv = e/p dagegen schon.

e / es(T) Relative Feuchte · Wasser & Eis T = −20…40 °C · e = 0…80 hPa · p = 700…1050 hPa
Aktueller Dampfdruck und Sättigungsdampfdruck als Funktion der Temperatur Eine Sättigungskurve und eine horizontale Linie des aktuellen Dampfdrucks zeigen den Abstand zur Sättigung bei der gewählten Temperatur. RELATIVE FEUCHTE · e / e_s(T) T e e_sw(T) e_si(T), T ≤ 0 °C aktuelles e −20 °C 40 °C 0 80 hPa
RH stabile Referenz
RHw
RHi
es Referenz
Sättigungsdefizit es−e
xv = e/p
Zustandsklassifikation
Interpretation
06 · Gesamtdruck

Bei festem T und e ist RH unabhängig vom Gesamtdruck.

Die Definition RH = 100 e/es(T) enthält den Gesamtdruck nicht. Wird p verändert, während T und e gleich bleiben, ändert sich die relative Feuchte daher im idealisierten Modell nicht.

Der Stoffmengenanteil des Wasserdampfs reagiert dagegen unmittelbar:

xv = e/p

Relative Feuchte und absolute Zusammensetzung sind deshalb unterschiedliche diagnostische Größen.

07 · Über 100 %

RH kann größer als 100 % sein — dann ist der Zustand übersättigt.

RH > 100 % bedeutet e > es(T). Ein solcher Zustand ist thermodynamisch übersättigt und begünstigt Kondensation beziehungsweise Resublimation. In realer Luft können kurzzeitig kleine Übersättigungen bestehen, weil Phasenübergänge endliche Zeit benötigen und geeignete Kondensations- oder Eiskeime eine Rolle spielen.

Sehr große Übersättigungen im Lab sind didaktische Diagnosezustände. Sie würden in der realen Atmosphäre typischerweise rasch durch Phasenwechsel abgebaut.

08 · Fehlmodelle vermeiden

Vier typische Verwechslungen.

×
„50 % relative Feuchte bedeutet halb so viel Wasser wie maximal möglich.“

Nicht als absolute Wassermenge. Gemeint ist e = 0,5 e_s(T) bei der gewählten Referenzphase.

×
„Wenn RH steigt, muss Wasserdampf hinzugekommen sein.“

Nein. Abkühlung bei nahezu konstantem e kann RH stark erhöhen.

×
„Unter 0 °C ist RH eindeutig.“

Nicht ohne Bezugsphase. RH_w und RH_i können deutlich voneinander abweichen.

×
„100 % ist eine harte Obergrenze.“

Nein. Übersättigte Zustände mit RH > 100 % sind möglich, wenn auch meist nur begrenzt persistent.

09 · Ergebnis

Relative Feuchte verbindet aktuellen Dampfdruck und Sättigungsgrenze.

1 · Verhältnis

RH = 100 e/e_s(T).

2 · Temperatur

Bei konstantem e steigt RH beim Abkühlen.

3 · Referenzphase

Unter 0 °C sind RH_w und RH_i zu unterscheiden.

4 · Druck

Bei festem e und T hängt RH nicht direkt vom Gesamtdruck ab.

5 · Übersättigung

RH > 100 % ist möglich und begünstigt Phasenwechsel.

6 · Nächster Schritt

M3K6 führt spezifische Feuchte und Mischungsverhältnis als massenbezogene Feuchtemaße ein.

Cross-References

M3K3 · Dampfdruck M3K4 · Sättigungsdampfdruck M3K6 · Spezifische Feuchte & Mischungsverhältnis M3K7 · Taupunkt M3K8 · Kondensation M08 · Wolken, Niederschlag & Gewitter
Nächster Schritt · M3K6 Spezifische Feuchte & Mischungsverhältnis

Wie lässt sich der Wasserdampfgehalt unabhängig von der Sättigungsgrenze als Massenverhältnis beschreiben?